Eröffnungsrede des Großscheiches der Al-Azhar in der Tagung zwischen de MCE und WWC

Genf, Sep. 2016

  • Sunday, 2 October 2016
Eröffnungsrede des Großscheiches der Al-Azhar in der Tagung zwischen de MCE und WWC

Ich möchte am Anfang meinen aufrichtigen Dank für die Einladung zu diesem Treffen zum Ausdruck bringen. Wir treffen uns heute im Schatten einer kritischen Lage, die die ganze Welt erlebt, und  einer moralischen Krise, die die ganze Menschheit erleidet. Die Werte von Liebe und Frieden werden deswegen zu Ausnahmen von einer Allgemeinregel, die die Welt regiert, und die sich im Egoismus, Hass und Konflikt zusammenfassen lässt.
Ich übertriebe sicherlich nicht, wenn ich sage: Jedes Land sehnt sich nach dem Frieden suchen nach einem Leben ohne Gewalt und Terrorismus. Es ist zu meiner tiefen Trauer, dass den Religionen Vorwürfe gemacht wurden, dass sie diesen verfluchten Terrorismus zur Welt brächten.
Diejenigen, die das behaupten, vernachlässigen in diesem Zusammenhang zwei wichtige Tatsachen:
Erstens: Die Religionen kamen, um den Frieden unter den Menschen zu konsolidieren, die Ungerechtigkeit zu bekämpfen, sowie die Heiligkeit des menschlichen Blutes zu betonen. Es ist hier erwähnenswert, dass der Name der Religion, der ich zugehöre, vom arabischen Wurzel salâm (d.h. Frieden) abgeleitet ist. Das Wort salâm ist außerdem in dieser Religion ein Name Allahs – des Erhabenen –, zu dessen Eigenschaften noch gehört, dass er barmherzig, gnädig, freundlich, liebend und milde ist. Seinerseits definiert der Prophet des Islam den Charakter des Muslim damit, dass er derjenigen ist, von dessen Zunge und dessen Hand die Menschen heil bleiben.
Zweitens: Der Terrorismus, der mit allen Religionen, besonders mit dem Islam,  in Verbindung trete, macht keinen Unterschied zwischen den Gläubigen und den Atheisten oder zwischen den Muslimen und Nichtmuslimen.
Ein kurzer Blick auf die Opfer des Terrorismus bestätigt, dass die Muslime selbst den Preis für diesen Terrorismus von ihrem Blut und ihren Körpern zahlen, und zwar nicht nur im Osten, wo der Terrorismus viele Länder wie den Irak, Pakistan, den Libanon, Ägypten und Libyen schlägt, und noch in Syrien, wo der Terrorismus bisher mehr als eintausend Moscheen zerstört, und mehr als vierhunderttausend Menschen getötet hat, sondern auch in Europa, wo das Blut von Muslimen zusammen mit dem der Europäer in den Angriffen dieses Terrorismus vergossen wurden.
Aber der größte Verlust der Muslime liegt meiner Ansicht nach darin, diesen Terrorismus inklusiverweise mit ihrer Religion in Verbindung gebracht, und den Islam unter allen anderen Religionen dafür verantwortlich gemacht wurde. Daraus ergab sich leider Hassrede seitens der Rechtsextremisten. Sie haben somit die Religionen beleidigt und zur Isolierung der Religionen und Vertreibung ihrer Anhänger aus ihren Häusern gerufen, sowie den Gebetsstätten Schaden zugefügt. Die Unschuldigen wurden daher zwischen dem Hammer des Terrorismus und dem Amboss der Islamophobie.
Meine Damen und Herren!
Ich möchte nicht ausführlich über die Religionen gegen diese ungerechte Behauptung verteidigen. Sie wissen, inwieweit diese Behauptung Unrecht und falsch ist. Aber ich möchte betonen, dass die Konsolidierung und Verbreitung des Friedens auf der ganzen Welt als erste und ursprüngliche Aufgabe der Religionen gilt, wobei es sich dabei um eins der wichtigsten Ziele aller Religionen handelt. Alle Religionen betrachten die Würde, das Vermögen, und das Blut des Menschen als unantastbar und schutzwürdig. Ich kenne selber keine himmlische Religion, die das Blutvergießen, die Verletzung der Rechte und Verängstigung der sicheren Menschen legitimiert.
Daher bin ich davon überzeugt, dass der Frieden sich erst verbreitet, und die Menschheit diesen Frieden konkret genießt, wenn die religiösen Institutionen und ihre Chefs Hand in Hand daran arbeiteten, den Frieden zu konsolidieren.
Ich möchte vor Ihnen hier das wiederholen, wozu die Al-Azhar stets vor mehr als siebzig Jahren in den Hauptstädten des Westens rief, und zwar: Der Frieden muss unter den Anführern der Religionen selbst und zwischen ihnen einerseits und den Intellektuellen und den prominenten Politikern andererseits herrschen, bevor man daran arbeitet, ihn unter den einfachen Menschen zu verbreiten.

Sehr verehrte Damen und Herren!
In der Tat reichen diese Erklärungen und Verurteilungen seitens der Anhänger der Religionen gegen die Gewalttätigkeit, den Terrorismus und die Hassreden nicht mehr aus. Es sieht so aus, als ob wir auf getrennten Inseln arbeiteten. Das ist ein Werk, das nur schwache Ergebnisse mit insignifikante und unkonkrete Auswirkung auf den Boden bringt. Es muss Koordination für eine gemeinsame Aktion zur Konfrontierung des Phänomens der Gewalt geben; wir müssen als Anführer der Religionen durch ein globales Projekt und in nacheinander folgenden Sitzungen zusammenarbeiten, in denen die Ursachen des Phänomens untersucht und die wichtigsten vorgeschlagenen Lösungen unter die Lupe  genommen werden. So können wir eine intellektuelle, wissenschaftliche, soziale und pädagogische Konfrontation dieses Phänomens ausführen.
 Es sei hier anzumerken, dass die Al-Azhar-Institution ein neues Fach in den Lehrplan der Schulen und Fakultäten eingeführt hat, um die SchülerInnen und StudentInnen über die Gefahren des Extremismus und des Terrorismus aufzuklären, sie davor zu schützen, in die zur Gewalt aufrufenden Gedanken abzustürzen oder sich den gewalttätigen, bewaffneten Gruppen anzuschließen.
Parallel dazu sollen die Religionen ihre Rolle in Bezug darauf spielen, die Jugendlichen der Welt über den Wert der Barmherzigkeit, der Freundlichkeit zu informieren. Es kann in diesem Zusammenhang große internationale Jugendforen organisiert werden, in denen man sich mit den religiösen Begriffen erklärt. In erster Linie muss da der Konzept von muwâtana (Staatsbürgerschaft) konsolidiert werden, der bedeutet, dass es keine Unterschiede zwischen einem Bürger und einem Anderen, ausgehend von der ethnischen oder der Religionszugehörigkeit, gemacht werden darf. Der Begriff muwâtana bildet die Grundlage, wovon der Glauben an Pluralismus, Freiheit, Gleichheit, Akzeptanz des Anderen und Respekt seines Glaubens ausgeht. Der Prophet des Islam – Gott segne ihn und schenke ihm Heil – wandte lange Zeit vor Aufzeichnung der staatlichen Verfassungen diese Konzepte an, als er diese Prinzipien nach seiner Auswanderung nach Medina in den Herzen der Bürger befestigte. Er ließ schreiben: "Die Gläubigen und Muslimen von Quraish, die Bewohner von Yathrib [Medina] und die Juden bilden alle eine Nation. Die Juden von Banî `Auf sind zusammen mit den Gläubigen eine Nation; den Juden ihre Religion und den Muslime ihre Religion."
So konsolidierte der Prophet – Gott segne ihn und schenke ihm Heil – das Prinzip der Gleichheit unter den Bürgern, Muslimen und Nichtmuslimen, im Modell seiner ersten Stadt, und ließ es in einer Schrift aufzeichnen, die als «Medina-Urkunde» bekannt ist.
In dieser Hinsicht bestätige ich, dass dieses Prinzips zur Rettung von ungezählten religiösen und sozialen Problemen sowohl in den östlichen als auch in den westlichen Ländern führen kann. Nach den islamischen Lehren müssen die Muslime die Andersgläubigen in den muslimischen Ländern als Bürger betrachten, die am Aufbauen und Verteidigen der Heimat teilnehmen, und für die wir eine bekannte religiöse Regel haben, nämlich "Für sie gelten die dieselben Rechte uns Pflichten, wie unsere."
In Bezug auf die muslimischen Bürger in den westlichen Ländern ruft die sie Al-Azhar seit langem dazu auf, sich als Teil ihrer Gemeinschaften zu betrachten, in der sie positiv integrieren, und so interaktiv sein, dass sie an der Verbreitung des gesellschaftlichen Friedens teilnehmen.

Zweifelsohne haben die Religionsleute hier eine Rolle, die sie nicht vernachlässigen sollen. Sie müssen nämlich die psychischen Barrieren durchbrechen, die die Vertreter der Gewalt und Isolation und des Hasses unter den Gläubiger verschiedener Religionen gebaut haben. Dabei müssen viele Fakten hervorgehoben werden, vor allem dass dieser Unterschied den Willen Gottes darstellt, der nie zu einem Konflikt, einer Abspaltung oder einem Krieg führt. Ansonsten handelte es sich um ein großes Paradox zwischen dem von Gott gewollten Pluralismus und der Vernichtung dieses Prinzips.
Am Ende meines Wortes möchte ich hier unter Ihnen meine große Hoffnung ausdrücken, unsere Bemühungen gegen all jenen Praktiken zu verstärken, die im Wege der Verbreitung des Friedens, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit unter den Menschen im Osten und dem Westen stehen, und ein humanitäres, globales Projekt zu verwerfen, mit dem einen positiven Einfluss auf den Verlauf der Dinge um uns herum ausüben. Mögen wir Gott im Jenseits mit so genug guten Taten treffen, die Seine Vorwürfe und Rechenschaft verhindern.

Genf, 26. 12. 1437 n. H., 27. 09. 2016

Prof. Dr. Ahmed El-Tayeb
Scheich der Al-Azhar

 

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